Indikation
Rituximab steht für eine Reihe von sehr ähnlichen, gentechnisch hergestellten, monoklonalen chimären Antikörpern (Maus/Mensch) gegen CD20, die zur Behandlung von follikulären und B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphomen, therapierefraktären chronisch-lymphatischen Leukämien (CLL) sowie bestimmten Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis, der granulomatösen Polyangiitis (GPA), der mikroskopischen Polyangiitis und des Pemphigus vulgaris zugelassen sind.
Für die Behandlung der CIDP liegt keine Zulassung vor, aber es existieren Fallberichte, kleine Fallserien und Metaanalysen, die auf eine Wirksamkeit von Rituximab als Off-Label-Therapie hindeuten. Rituximab kommt somit als Zweitlinientherapie bei der CIDP zum Einsatz.
Kontraindikation
Eine absolute Kontraindikation besteht bei
- Hypersensitivität gegenüber dem Wirkstoff oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels. Patient:innen mit bekannter Allergie gegen Maus-Proteine sollten Rituximab nicht erhalten.
- schwerer Herzinsuffizienz (NYHA IV) wegen der erforderlichen Infusionsmenge. Eine kardiovaskuläre Vorerkrankung oder eine Herzinsuffizienz (NYHA III) stellen ein erhöhtes Risiko dar, besonders beim Auftreten von Infusionsreaktionen.
Eine relative Kontraindikation besteht bei
- aktiven, schwerwiegenden Infektionen oder aktiver Tuberkulose.
- chronischen Infektionskrankheiten wie HIV, Hepatitis B oder C, da ein negativer Effekt auf die Immunkompetenz im Rahmen dieser Erkrankungen nicht auszuschließen ist.
- Patient:innen mit signifikanter Infektionsneigung (z. B. Dekubitus, Aspirationsneigung, rezidivierende Harnwegs- oder respiratorische Infekte).
- Schwangerschaft oder während der Stillzeit.
Dosierung
Wegen fehlender kontrollierter Studien existiert keine gesicherte Evidenz zur Dosierung und zu Therapieintervallen bei CIDP. Häufig wird das rheumatologische Schema eingesetzt (Induktion mit 1.000 mg i. v. in Woche 0 und 2). Studienbasierte und konsentierte Dosis-Deeskalationsstrategien für eine Erhaltungstherapie bestehen nicht. Die Therapiesteuerung sollte anhand der Klinik erfolgen, da es keinen Anhalt dafür gibt, dass die Quantifizierung von CD19+- und/oder CD20+-B-Zell-Werten mit der Klinik korreliert. Pragmatisch erfolgt eine Therapie alle sechs Monate mit 1000 mg mit 2 x 1000 mg im Abstand von 14 Tagen. Für weitere Zyklen kann versucht werden, die Dosisintervalle zu strecken (Evidenzgrad IV).
Es existiert keine gesicherte Evidenz zu Dosisanpassungen nach Gewicht, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit. Neben dem Originalpräparat Mabthera® werden nahezu ausschließlich Biosimilars eingesetzt.
Pharmakokinetik
Nach Gabe von zwei Infusionen Rituximab à 1.000 mg im Abstand von zwei Wochen betrug in Studien zur rheumatoiden Arthritis die durchschnittliche Halbwertszeit 20,8 Tage (Schwankungsbereich 8,5 bis 35,9 Tage). Bei erneuten Behandlungszyklen zeigte sich eine ähnliche Halbwertszeit.
Rituximab kann als IgG-Antikörper die Plazentaschranke passieren und geht wahrscheinlich in die Muttermilch über.
Pharmakodynamik
Rituximab bindet an das CD20-Antigen auf B-Lymphozyten sowie auf CD20-positiven CD3-positiven T-Lymphozyten, induziert eine Lyse dieser Zellen und bewirkt dadurch eine Zell-Depletion von überwiegend B-Zellen im Blut.
Die B-Zellen beginnen sich – individuell unterschiedlich – meist nach sechs Monaten zu erholen und erreichen in der Regel nach neun bis zwölf Monaten wieder Normalwerte. Einige Patient:innen zeigen eine Re-Population auch früher als nach 6 Monaten. Bei langjähriger Therapie kann es zu einer langanhaltenden Suppression der B-Zellen kommen, die ein Jahr oder länger persistieren kann. In Einzelfällen kann ein Behandlungszyklus zu einer langanhaltenden, teils über Jahre bestehenden B-Zell-Depletion führen.
Klinische Effekte stellen sich in der Regel in anderen Indikationen (zur CIDP liegen keine verlässlichen Daten vor) verzögert 6 – 8 Wochen nach Rituximabgabe ein, bei Erhaltungstherapien etwas früher. Ein Wirkmaximum ist drei Monate nach Gabe zu erwarten.
Diagnostik vor Therapiebeginn
Anamnese und klinische Untersuchung zu möglichen Kontraindikationen
Durch eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung muss vor Therapiebeginn sowie vor jeder Infusion das Vorliegen möglicher Kontraindikationen, wie z. B. einer schweren Infektion, ausgeschlossen werden (obligat). Bei Patient:innen mit aktiver Infektion sollte die Rituximab-Gabe verschoben werden, bis die Infektion vollständig kontrolliert ist. Anamnese und Untersuchung sollten detailliert dokumentiert werden (obligat).
Labor-Basisprogramm
- Routinelaborparameter: Vor Beginn der Therapie müssen Blutbild und Differenzialblutbild sowie Leberwerte (GOT, GPT, Bilirubin, AP) bestimmt werden (obligat). Insbesondere empfiehlt es sich, den Status von CD19+ und/oder CD20+ Zellen zu erheben und als Ausgangswert zu dokumentieren. Des Weiteren muss im Serum Gesamt-IgG als Ausgangswert quantifiziert werden (obligat).
- Entzündungs- und Infektionsparameter: Bei allen Patient:innen sollten bei Therapiebeginn eine akute Entzündung (CRP, Urinstatus) sowie chronische aktive bakterielle und virale Infektionen (Tbc, Lues, HBV, HCV, HIV) ausgeschlossen werden. Für den HIV-Test ist eine schriftliche Einverständniserklärung der Patient:innen erforderlich. Bei Verdacht auf Tbc in der Vorgeschichte oder bei Personen, die in Gebieten mit höherer Tbc-Prävalenz leben, sollte die Tbc-spezifische Immunreaktion untersucht werden (mittels Tbc-spezifischem ELISPOT oder Interferon-Gamma-Release-Test, z. B. Quantiferon®). Bei positivem Testergebnis muss die Gefahr einer Tbc-Reaktivierung abgeklärt werden (Röntgen-Thorax und ggf. weitere Diagnostik). Zudem muss überprüft werden, ob Immunität gegen das Varizella-Zoster-Virus (VZV) vorhanden ist (Nachweis von VZV-IgG im Serum, anamnestisch durchgemachte Windpocken-Erkrankung). Bei fehlender Immunität sollte vor Beginn der Therapie eine Impfung durchgeführt werden.
- Impfstatus: Vor Beginn einer Therapie mit Rituximab soll der Impfstatus überprüft werden und ausstehende und empfohlene Impfungen (gemäß der STIKO) sollten zeitnah unter Berücksichtigung der Krankheitsaktivität erfolgen.
- Schwangerschaftstest: Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter muss eine Schwangerschaft, ggf. mittels Schwangerschaftstest, ausgeschlossen werden (obligat).
Vortherapien - Abstand und Maßnahmen
Es ist kein Abstand der Rituximab-Therapie zu einer Steroid- oder konventionellen immunsuppressiven Therapie notwendig; es kann ggf. auch eine parallele Behandlung erfolgen. Rituximab kann unmittelbar nach Abschluss einer Plasmaseparation oder Immunadsorptionsbehandlung gegeben werden.
Nach Gabe hochdosierter polyvalenter Immunglobuline (intravenöse Immunglobuline, IVIg) sollte der Mindestabstand 10, besser 14 Tage betragen, bevor Rituximab gegeben wird, um eine Wirkbeeinträchtigung des Rituximab zu vermeiden.
Therapie - Monitoring
Labor-Basisprogramm
Ein Blutbild und Differenzialblutbild sowie Leberparameter (GOT, GPT, Bilirubin, AP) müssen nach zwei Wochen und dann bei guter Verträglichkeit alle drei Monate erfolgen (obligat). Mindestens in sechsmonatlichen Intervallen sollten zudem die Gesamt-IgG im Serum bestimmt werden.
Schwangerschaft und Stillzeit
Die FDA empfiehlt eine sichere Empfängnisverhütung für B-Zell-gerichtete Antikörper-Therapien bis sechs Monate nach letzter Gabe, die EMA bis zwölf Monate nach letzter Gabe. Unter Berücksichtigung der Halbwertszeiten und der Krankheitsaktivität kann nach Expertenmeinung eine Schwangerschaft frühestens zwei Monate nach Behandlung mit Rituximab geplant werden. Sollte nach einer kritischen Nutzen-Risiko-Analyse im Rahmen einer individuellen Therapieentscheidung die Behandlung während einer Schwangerschaft für notwendig erachtet werden, kann nach entsprechender Aufklärung und unter regelmäßigem Monitoring von Mutter und Fetus entsprechend den lokalen Empfehlungen eine Therapie mit Rituximab in der Schwangerschaft erfolgen.
Frauen im gebärfähigen Alter sind auf die Notwendigkeit einer wirksamen Empfängnisverhütung hinzuweisen (obligat).
Aus den Zulassungsstudien und nach tierexperimentellen Daten sind keine teratogenen Wirkungen und keine Auswirkungen auf die weibliche und männliche Fertilität bekannt. Eine unerwartete Schwangerschaft unter Rituximab ist keine Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch.
Über mögliche fruchtschädigende Wirkungen einer Rituximab-Therapie bei Mann und Frau liegen bisher keine ausreichenden Daten vor. Zwar existieren einzelne Fallberichte über vergleichsweise gute Erfahrungen von Frauen mit einer NMOSD wie auch mit rheumatologischen Erkrankungen, die unter einer Rituximab-Therapie schwanger wurden, systematische Studien fehlen allerdings. Es ist davon auszugehen, dass Rituximab in geringen Mengen in die Muttermilch übergeht, daher sollte die Anwendung in der Stillzeit nur nach Rücksprache mit einem spezialisierten Zentrum erfolgen.
Impfungen
Umfassende Untersuchungen zu Impfungen und Rituximab liegen nicht vor. Grundsätzlich können Impfungen mit sogenannten Totimpfstoffen, mRNA-Impfstoffen und Vektorimpfstoffen während der Therapie mit Rituximab erfolgen. Die Wirksamkeit von Impfungen kann während und nach der Gabe von Rituximab eingeschränkt sein. Ggf. ist der Impferfolg mittels Titerkontrolle zu überprüfen (fakultativ). Sofern zeitlich möglich, sollten notwendige Impfungen vor Beginn der Rituximabtherapie durchgeführt werden.
Die Anwendung von attenuierten Lebendimpfstoffen ist unter der Therapie mit Rituximab kontraindiziert.
Rituximab kann zu akuten Infusionsreaktionen und lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktionen führen. Es kann daher nur unter engmaschiger Überwachung von erfahrenem medizinischem Fachpersonal angewendet werden, und es muss eine vollständige Ausrüstung zur Wiederbelebung sofort verfügbar sein (obligat). Zeichen einer akuten oder verzögerten Infusionsreaktion wie Urtikaria, Pruritus, Exanthem, Luftnot, Angina pectoris, Blutdruckabfall, Fieber, Myalgien und Arthralgien sind zu beachten (obligat). Vor Beginn der Infusion werden jeweils 100 mg (Methyl-) Prednisolon i.v., Paracetamol und ein Antihistaminikum i.v. oder oral verabreicht, um etwaige Unverträglichkeitsreaktionen abzuschwächen (fakultativ). Die Infusionen müssen über eine Venenverweilkanüle mit sicherer intravenöser Gabe durchgeführt werden (obligat).
Bezüglich der Handhabung und Herstellung der Infusionslösung sowie Infusionsgeschwindigkeit sollte sich nach der Fachinformation gerichtet werden. Während der Infusion sollten alle 30 Minuten die Vitalparameter gemessen und dokumentiert werden (fakultativ). Bei Auftreten einer Infusionsreaktion muss die Geschwindigkeit reduziert bzw. bei schweren Reaktionen die Infusion gestoppt werden. Zur symptomatischen Therapie der Infusionsreaktion stehen Antipyretika (z. B. Paracetamol) und Antihistaminika (z. B. Clemastin) auch intravenös zur Verfügung. Die Symptome einer Infusionsreaktion bilden sich in der Regel innerhalb kurzer Zeit zurück, sobald die Infusion beendet bzw. unterbrochen wurde.
Infusionsreaktionen, die während oder innerhalb von 24 Stunden nach der Rituximab-Infusion auftreten, sind in der Regel auf eine Zytokinfreisetzung während der Infusion zurückzuführen. Typische Nebenwirkungen sind Kopfschmerz, Ausschlag, Pruritus und Schwindel. Die klinischen Merkmale von anaphylaktischen Reaktionen, die deutlich seltener auftreten, können jenen von infusionsassoziierten Effekten ähneln, sind aber schwerwiegender und potenziell lebensbedrohlich. Behandelnde Ärzte sollten die kardiologische Anamnese der Patient:innen kennen, da auch kardiale Symptome wie Tachykardie zu den möglichen Reaktionen gehören können.
Dauer der Therapie
Die Therapiedauer richtet sich wie bei anderen Therapien der CIDP nach dem klinischen Verlauf. Wenn klinisch kein Hinweis auf eine anhaltende Krankheitsaktivität besteht, sollte ein Auslassversuch oder eine Verlängerung der Abstände der Gaben erfolgen.
Patientenaufklärung
Dokumentierte Aufklärung der Patient:innen über Therapie und Risiken
Eine standardisierte Aufklärung über den Einsatz einer Off-Label-Therapie sowie die Risiken und Nutzen der Rituximab-Therapie und eine schriftliche Einwilligungserklärung der Patient:innen sind vor Behandlungsbeginn erforderlich (obligat). Die standardisierte Aufklärung mit Einwilligungserklärung zur Therapie sollte speziell auf folgende Risiken eingehen:
- Infusionsreaktionen
- Erhöhtes Risiko für Infektionen einschließlich opportunistischer Infektionen. Auch das unter einer Monotherapie mit Rituximab sehr seltene, aber mögliche Auftreten einer PML muss erwähnt werden.
- Hepatitis B-Infektion/Reaktivierung: Bei onkologischen Patient:innen, die Rituximab erhielten, wurden Fälle einer Hepatitis-B-Reaktivierung berichtet, einschließlich Fälle mit tödlichem Ausgang.
Falsch-negative serologische Testergebnisse bei Infektionen: Aufgrund des Risikos falsch-negativer serologischer Testergebnisse sind bei Patient:innen mit Symptomen die auf Infektionskrankheiten wie z. B. FSME und Neuroborreliose hinweisen alternative diagnostische Verfahren (z.B. PCR) in Betracht zu ziehen. Für die Patienteninformation können Aufklärungsbögen neurologischer Fachgesellschaften angepasst verwendet werden.
Autoren und Quellen
Dr. med. Michael Heming, Universitätsklinikum Münster
Prof. Dr. med. Claudia Sommer, Universitätsklinikum Würzburg
Prof. Dr. Kathrin Doppler, Universitätsklinikum Würzburg
Prof. Dr. med. Thomas Skripuletz, Medizinische Hochschule Hannover
Dr. med. Louisa Müller-Miny, Universitätsklinikum Münster
Hinweis
Teile dieser Empfehlung basieren auf dem Qualitätshandbuch zu Rituximab der Deutschen Myasthenie Gesellschaft e. V. (DMG) von Prof. Dr. M. Schroeter; sowie auf dem Qualitätshandbuch des Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS e. V.) von Prof. Dr. Orhan Aktas, Prof. Dr. Ingo Kleiter, Prof. Dr. Tania Kümpfel und Prof. Dr. Corinna Trebst.
Cocito D, Grimaldi S, Paolasso I, Falcone Y, Antonini G, Benedetti L, Briani C, Fazio R, Jann S, Matà S, Sabatelli M, Nobile-Orazio E; Italian Network for CIDP Register. Immunosuppressive treatment in refractory chronic inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy. A nationwide retrospective analysis. Eur J Neurol. 2011 Dec;18(12):1417-21. doi: 10.1111/j.1468-1331.2011.03495.x. Epub 2011 Aug 5. PMID: 21819489.
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